Ruhrverband verbessert Wasserqualität durch gezielte Fischbesatzmaßnahmen

38. Auflage des preisgekrönten Ruhrgüteberichts in Essen vorgestellt

4,6 Millionen Menschen beziehen ihr Trinkwasser aus dem Ruhreinzugsgebiet. Die Talsperren des Ruhrverbands spielen bei der Bewirtschaftung des Sauerländer Wasserschatzes eine entscheidende Rolle für die Trinkwasserversorgung des Ruhrgebiets. Die Wasserqualität in diesen künstlichen Wasserspeichern ist Grundlage für die mittlerweile hohe Qualität des Wassers in der Ruhr. Nun kann sich in solchen Talsperren aufgrund ihrer massiven Absperrbauwerke, die für Fische nicht durchwanderbar sind, keine natürliche Fischpopulation mit entsprechender Vielfalt ausbilden. Deshalb muss durch entsprechende Fischbesatzmaßnahmen nachgeholfen werden. ?Übermäßiges Algenwachstum beeinträchtigt bekanntermaßen die Wasserqualität. Um dieses zu verhindern, besetzen wir unsere Talsperren gezielt mit bestimmten Raubfischarten. Auf diese Weise erhalten die Lebewesen, die sich von Algen ernähren und damit für eine gute Wasserqualität sorgen, ausreichende Entwicklungsmöglichkeiten.? Das sagte Prof. Harro Bode, Vorstandsvorsitzender des Ruhrverbands, am 12. September 2011 bei der Vorstellung des 38. Ruhrgüteberichts in Essen. Würde man die Talsperren ausschließlich sich selbst überlassen, dann würden sich vor allem die Fischarten durchsetzen, die sich von den Kleinlebewesen, die Algen vertilgen, ernähren. Durch das Einsetzen der Raubfischarten wird hier für einen Ausgleich und ein natürliches Gleichgewicht gesorgt. Prof. Bode wies darauf hin, dass sich die Wasserqualität der Ruhrverbandstalsperren im Sauerland (Möhne-, Henne-, Sorpe-, Bigge-, Verse-, Fürwigge- und Ennepetalsperre) im letzten Jahrzehnt durchgängig noch einmal verbessert hätte, was unter anderem auch mit diesem gezielten Fischbesatz zu tun hätte. Der international renommierte und mit 150.000 Dollar dotierte Stockholm Water Prize sei dieses Jahr an den amerikanischen Wissenschaftler Stephan R. Carpenter der Universität von Madison, Wisconsin, gegangen, der unter anderem auf diese biologischen Zusammenhänge hingewiesen hätte. Dadurch würde deutlich, dass der Ruhrverband offenbar auch in diesem Bereich nach modernsten wissenschaftlichen Erkenntnissen seiner Arbeit nachgehen würde.
Der jährliche Ruhrgütebericht, der gemeinsam vom Ruhrverband und der Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke an der Ruhr herausgegeben wird, dokumentiert seit 1973 allgemeinverständlich und gleichzeitig mit hoher Datenfülle die Qualitätsentwicklung und den aktuellen Zustand der Ruhr und ihrer Nebengewässer. Im Vorjahr wurde er mit dem renommierten Marketing and Communications Award der International Water Association (IWA) ausgezeichnet als weltweit beispielgebend für transparente Kommunikation mit der Öffentlichkeit. Zu den wichtigsten Ergebnissen des diesjährigen Berichts gehört der weitere Rückgang der PFT-Belastung von Ruhr und Möhne. Die durchschnittliche PFT-Fracht an der Ruhrmündung ist seit 2007 um rund zwei Drittel gesunken. Die durchschnittliche Konzentration in der Möhnetalsperre für die Summe der beiden Hauptkomponenten PFOA und PFOS betrug zuletzt lediglich 0,046 Mikrogramm pro Liter, in der Ruhr bei Essen waren es im Mittel 0,028 Mikrogramm pro Liter. Aus Sicht des Ruhrverbands sei zu konstatieren, so Bode, dass die aus dem 2006 aufgedeckten PFT-Skandal resultierenden Befunde, bei dem PFT-haltige Abfälle illegal auf Böden im Sauerland aufgebracht wurden, mittlerweile weitgehend abgeklungen seien.

?Auf die Arbeit des Ruhrverbands und der Wasserwerke, deren Ergebnisse sich aus diesem Bericht ablesen lassen, können wir mit Recht stolz sein?, sagte Helmut Sommer, Vorsitzender des Präsidiums der AWWR, bei der Vorstellung des Ruhrgüteberichts. Er gab allerdings zu bedenken, dass ein ?offenes? Gewässer wie die Ruhr mit einem vielfältig durch Besiedlung, Gewerbebetriebe, Land- und Forstwirtschaft und Verkehrsströme genutzten Einzugsgebiet nicht vollständig gegen Schadstoffeinträge geschützt werden könne. ?Viele Wasserversorgungsunternehmen haben inzwischen mit der Ergänzung ihrer Aufbereitungstechniken begonnen oder Konzepte zur Verbesserung einer Schadstoffelimination im Falle von Gewässer- und Grundwasserverunreinigungen erarbeitet. Die Umsetzung dieser Maßnahmen führt allerdings zwangsläufig zu sehr hohen Investitionen. Die Wasserwerke erwarten daher, auch im Interesse ihrer Kunden, für die weitergehende Aufbereitung eine langfristige Planungs- und Rechtssicherheit.?

 
Zu den Ergebnissen im Einzelnen:

Organische Belastung, Nährstoffe, Schwermetalle und Sauerstoffhaushalt (S. 30 bis 46)
Die Ruhr erreicht auf der Basis der in etwa vierwöchentlichem Abstand durchgeführten physikalisch-chemischen Ruhrlängsuntersuchungen auch im Jahr 2010 bei fast allen untersuchten Kenngrößen entsprechend der EG-WRRL den ?guten?, teilweise sogar den ?sehr guten? Zustand. Sowohl hinsichtlich der Nährstoffbelastung, hier sind vor allem Phosphor und Ammonium zu nennen, als auch in Bezug auf die mineralischen und organischen Kenngrößen weist die Ruhr schon seit Jahren ein sehr niedriges Konzentrationsniveau auf. Nitrat bildet aufgrund der hohen Hintergrundbelastung eine Ausnahme. Von den Schwermetallen verfehlen nur Zink (über die gesamte Fließstrecke), Cadmium (nur im Oberlauf) und Kupfer (nur im Unterlauf) den ?guten? Zustand. Die übrigen Schwermetalle Blei, Nickel, Chrom und Quecksilber können mit ?sehr gut? bewertet werden.

Talsperrenuntersuchungen ? Fürwiggetalsperre (S. 62 bis 71)
Die Fürwiggetalsperre, die nach einer zweijährigen baulichen Sanierungsmaßnahme im Juni 2008 wieder eingestaut wurde, konnte im Berichtsjahr erstmals wieder detailliert untersucht werden. Der Gesamttrophieindex befand sich 2010 weiterhin im oligotrophen, also sehr guten Bereich. Aufgrund eines Fischsterbens an der Fürwiggetalsperre im April 2011 wurde die Wasserentnahme zur Trinkwasserversorgung der Stadt Meinerzhagen vorsorglich gestoppt. Trotz sofortiger gründlicher Untersuchungen und Betauchungen konnte die Ursache des letztlich auf einen Teilbereich der Talsperre begrenzten Fischsterbens ? vorwiegend Bachforellen sowie einige wenige Koppen und Elritzen waren betroffen ? nicht ermittelt werden. Die Untersuchungsergebnisse zeigten, dass das Wasser der Fürwiggetalsperre nach wenigen Wochen wieder eine unbedenkliche Qualität hatte. Die Trinkwasserversorgung der Stadt Meinerzhagen aus der Fürwiggetalsperre wurde am 30. Juni 2011 wieder aufgenommen.

Organische Mikroverunreinigungen in der Ruhr (S. 72 bis 85)
Im Messprogramm organischer Mikroverunreinigungen werden die wesentlichen vom Gesetzgeber sowie von der Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke an der Ruhr mit Qualitätszielen versehenen Einzelverbindungen berücksichtigt. In der Gesamtheit umfasst das Prüfprogramm mehr als 300 organische Einzelverbindungen, die folgenden wichtigen Substanz- oder Anwendungsgruppen angehören: Synthetische Komplexbildner, Flüchtige Organische Stoffe, Pflanzenbehandlungs- und Schädlingsbekämpfungmittel, Phosphororganische Flammschutzmittel und Weichmacher, Arznei- und Desinfektionsmittel, Perfluorierte Tenside sowie verschiedene Industriechemikalien. Aus der Vielzahl der Komponenten sind nur wenige organische Mikroverunreinigungen für die Ruhr relevant. Regelmäßig und in vergleichsweise höheren Konzentrationen werden die Synthetischen Komplexbildner EDTA und DTPA, einzelne Arzneimittelstoffe sowie Röntgenkontrastmittel und die Flammschutzmittel TCPP und TCEP nachgewiesen.

Untersuchungen zur Eliminierung von Mikroverunreinigungen auf der Kläranlage Schwerte (S. 86 bis 92)
Mit Versuchen zur weitergehenden Entfernung von Mikroverunreinigungen wurde auf der Kläranlage Schwerte im Oktober 2010 begonnen. Bei den Versuchen werden ein Adsorptionsverfahren mit Pulveraktivkohle, ein Oxidationsverfahren mittels Ozon und die gleichzeitige Anwendung beider Verfahren erprobt. Bisherige Ergebnisse der Adsorptionsstufe zeigten mit Entfernungsraten zwischen 25 und 67 Prozent eine deutliche Wirkung der Pulveraktivkohlezugabe. Die Eliminationsleistung ist allerdings stark abhängig von der untersuchten Substanz. So waren die Eliminationsraten für die Röntgenkontrastmittel am geringsten und die von medikamentösen Therapeutika am höchsten. Aktuell finden weitere Versuchsphasen statt, in denen unter anderem die Kombination aus Pulveraktivkohle- und Ozonzugabe sowie die alleinige Ozonierung und die damit verbundenen Kosten getestet wird.

Elodea-Vorkommen in den Ruhrstauseen im Jahr 2010 (S. 93 bis 98)
Im Jahr 2010 waren, wie auch 2001, 2002 und 2006, die Spitzenabflüsse der Ruhr in den Monaten März und April in Verbindung mit geringen Wassertemperaturen und erhöhter mittlerer Trübung die primäre Ursache für das Ausbleiben von Elodea-Massenbeständen. Die sich im Anschluss entwickelnden Algen verzögerten aufgrund der damit verbundenen Trübung des Wassers das Elodeawachstum. Auf Grund der immer weiter fortschreitenden Verringerung der P-Konzentrationen und -Frachten der Ruhr erreichten jedoch auch die Algenbestände nicht mehr die Werte wie vor 2000. Daher wechselten die Ruhrstauseen 2010 auch nicht zurück in den Algen-dominierten Zustand, sondern es stellte sich ein Interimszustand ein, bei dem Algen- und Elodeaentwicklung, beide abgeschwächt, zeitlich hintereinander folgten. Fraßspuren an Elodea-Pflanzen im Baldeneysee, die eindeutig von Fischen stammen, zeigen eine gewisse Wirksamkeit der Maßnahme des Fischbesatzes durch Rotfedern.

Hygienische Beschaffenheit der Ruhr (S. 99 bis 105)
Mit der Bestimmung von coliformen Bakterien als Indikatoren wird die fäkale Belastung der Ruhr seit vielen Jahren an zahlreichen Messstellen überwacht. Die Ergebnisse zeigen ein Belastungsprofil im Ruhrlängsverlauf. Seit dem Jahr 2007 hat der Ruhrverband seine hygienischen Untersuchungen intensiviert und im Hinblick auf die europäische Badegewässerrichtlinie um die Kenngrößen Escherichia coli und intestinale Enterokokken erweitert. Die hygienische Belastung der Ruhr schwankt in Abhängigkeit von zahlreichen Einflussfaktoren über zwei bis drei Zehnerpotenzen. Der Keimeintrag kann in Regenwetterperioden stark erhöht sein, insbesondere wenn es zu Entlastungen von Mischabwässern kommt. Der positive Beitrag von wasserwirtschaftlichen Maßnahmen zur hygienischen Verbesserung der unteren Ruhr ist zu erkennen.

Wasser ist Energie / Nutzung der regenerativen Energie der Wasserkraftanlage Westhofen (S. 133 bis 135)
Das aus den 1920er-Jahren stammende Wasserwerk Westhofen der Wasserwerke Westfalen GmbH wurde umgebaut, um mit neuen Turbinen künftig ausschließlich regenerativen Strom zu erzeugen. Die Wasserförderung wird nach Verlegung der Fördermengen in benachbarte Werke und der Bereitstellung erforderlicher Sicherheiten stillgelegt. Die beiden neuen Turbinen sollen ab 2012 ca. sechs Millionen Kilowattstunden pro Jahr in das öffentliche Stromnetz einspeisen. Zur ökologischen Verbesserung der Gesamtanlage wird zeitgleich eine Fischaufstiegsanlage errichtet. Insgesamt investieren die Wasserwerke Westfalen für den Umbau der Wasserkraftanlage in Westhofen 5,7 Millionen Euro. Die Anlage stellt die konsequente Erweiterung des bestehenden Kraftwerkparks der Wasserwerke Westfalen dar, der dann in der Spitze jährlich ca. 30 Millionen Kilowattstunden Energie erzeugt.

UV-Desinfektion bei den Wasserwerken Westfalen (S. 135 bis 139)
Die Wasserwerke Westfalen GmbH (WWW) betreiben im Ruhrtal zwischen Wickede-Echthausen und Witten acht Wasserwerke mit einer Jahresförderung von insgesamt etwa 105 Millionen Kubikmetern. Die acht Wasserwerke nutzen das Verfahren der künstlichen Grundwasseranreicherung zur bedarfsgerechten Ergänzung der natürlichen Grundwasserressourcen. Weil durch die Nähe der Wassergewinnungsbereiche zum Gewässer Ruhr sowie durch die gutdurchlässigen Sedimente des Ruhrtals nicht vollständig auszuschließen ist, dass unter besonderen Randbedingungen wie etwa Hochwasserereignissen einzelne Mikroorganismen bis in die Fassungsanlagen der Wasserwerke gelangen, wird das Trinkwasser in allen Wasserwerken seit vielen Jahren einer vorsorglichen Desinfektion durch Zugabe von Chlordioxid unterzogen. Im Jahr 2006 haben sich die WWW entschlossen, die Möglichkeiten einer alternativen Desinfektion mit ultraviolettem Licht in einer Versuchsreihe zu prüfen. In allen Versuchsreihen zeigten die Ergebnisse verbesserte Eliminierungsraten durch den Einsatz der UV-Desinfektion. Aufgrund der Pilotversuche wurde 2009 entschieden, die Chlordioxid-Desinfektion in den nächsten Jahren in allen Wasserwerken der WWW durch UV-Desinfektionsanlagen zu ersetzen. Die erste großtechnische UV-Desinfektionsanlage der Wasserwerke Westfalen wurde 2010 im Wasserwerk Echthausen (Wickede-Echthausen) errichtet. In 2012 ist die Umrüstung in zwei weiteren Wasserwerken (Westhofen 1 und Witten) geplant.

Wassergewinnung und Gewinnung von Gas in NRW aus unkonventionellen Lagerstätten ? ein Gegensatz? (S. 161 bis 163)
Ende 2010 wurde bekannt, dass die Erkundung von Erdgas aus unkonventionellen Lagerstätten in Nordrhein-Westfalen im großen Stil betrieben werden soll. Im Gegensatz zur herkömmlichen Gasgewinnung müssen die Gasvorkommen in unkonventionellen Lagerstätten besonders erschlossen werden. Hierbei wird das Trägergestein unter Einsatz von Wasser mit Zusatzstoffen und mit einem hohen Druck aufgebrochen (?Fracking?), damit das Gas leichter vom Trägergestein zur Bohrung strömen kann. Der Einfluss des Frack-  und aus dem Gestein stammenden Formationswassers im Untergrund kann derzeit nur unzureichend beurteilt werden. Bekannt geworden ist, dass das Formationswasser Radionuklide, Schwermetalle und Kohlenwasserstoffe beinhalten kann und dass u. a. Biozide, Dieselöl und andere Kohlenwasserstoffverbindungen dem Frackwasser zugesetzt werden, die giftig oder wassergefährdend sein können. In Nordrhein-Westfalen beabsichtigt das Umweltministerium daher, vor der Zulassung von konkreten Erkundungsbohrungen zunächst die möglichen Umweltauswirkungen im Rahmen eines Gutachtens zu prüfen. Diese Initiative ist dringend erforderlich und wird auch von der AWWR ausdrücklich begrüßt. Dies gilt ebenso für die Notwendigkeit einer wasserrechtlichen Erlaubnis für die Vorhaben. Aus Sicht der AWWR kann die Erkundung und  Ausschöpfung der neuen Gasquellen nur mit Rücksicht auf die Gewässer und unter größtmöglichem Schutz der Trinkwasserressourcen erfolgen.

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